Schlagwort-Archiv: Marktwirtschaft

Billiglöhner und Selbstausbeuter in Agenturen

Soeben entdeckt: ein Artikel in der ZEIT über Billiglöhner und Selbstausbeuter in Agenturen. So als Zusammenfassung ein Appell an die Arbeitgeber, dass „ein fancy Job in einem fancy Unternehmen“ einen realistischen Lohn bringen muss, mit dem es möglich ist, a) über die Runden zu kommen und b) sich gelegentlich etwas leisten zu können. Denn:

Wir reden hier von großen Agenturen, von Unternehmen, die Geld haben – sie aber nicht nach unten weiterreichen. Wir reden hier von Jobs, die nicht mit 40 Stunden die Woche gemacht sind. Wir reden hier von Arbeitssituationen, in denen jungen Menschen weisgemacht wird, wenn sie einmal im Monat auf eine hippe Party kommen, bei der sie sich drei Gläser Champagner umsonst reinhauen dürfen, dann ist das irgendwie auch Teil der Bezahlung. Super, vielleicht gibt’s ja auch ein paar Gemüse-Sticks, dann knurrt der Magen wenigstens nicht so laut unter den teuren, von den Eltern bezahlten Klamotten.

Dieser Appell sollte natürlich nicht nur für alle Arbeitgeber festangestellter Kreativer gelten, sondern auch für die Auftraggeber von Freelancern. Aber wie leider schon oft festgestellt wurde:

Selbstverwirklichung als Selbstausbeutung, das funktioniert einfach besonders gut in kreativen Berufen.

Leider verkaufen sich die angestellten Kreativen oft so billig, weil ständig die Drohung im Raum steht, „dass 300 andere Schlange stehen“, um den Job zu übernehmen – es ist die Angst, ganz ohne Job dazustehen, warum sich viele Kreative für billig Geld als Lohnknechte verdingen.

Und bei Freelancern funktioniert der Druck der Angst ebenso. Zu viele verkaufen sich und ihre Leistung weit unter Wert, weil sie auf jeden Cent angewiesen sind. Und wenn sich alle weit unter Wert verkaufen, läuft’s doch für die Auftraggeber prima, stimmt’s?

Irgendwie scheint das mit der Schwarmintelligenz zumindest bei Kreativen nicht zu funktionieren – als Schwarm agieren wir nicht gemeinsam, sondern jeder für sich  …

Ließe sich das ändern? Das ist für mich die spannende Frage …

Honorare: Arme Architekten?

Da bin ich dieser Tage auf einen hochinteressanten, recht bissigen Artikel gestoßen: Die „Besserverdiener wehren sich gegen Abstriche beim Mindestlohn„, so der Titel. Im Kern geht es um den Vorschlag des Bundeswirtschaftsministerium, die Honorarordnung für Architekten und Ingenieure aus dem Bauwesen zu überarbeiten, in Zukunft sollten die Honorare „ab einer Bausumme von fünf Millionen Euro“ frei verhandelbar sein.

Bitte?! Das wird in einem Ministerium festgelegt?! Aber tatsächlich, da steht es geschrieben: die „Honorarordnung für Architekten und Ingenieure (HOAI)“ ist eine Verordnung des Bundes und hat damit quasi den Charakter eines Gesetzes. Jetzt bin ich aber überrascht. Gäbe es beim Grafikerverband AGD oder beim Texterverband FFW eine feststehende Honorarordnung, bekämen diese Freelancer-Verbände was auf die Mütze, so von wegen Preisabsprachen und Kartellrecht. Insofern bin ich etwas irritiert, dass die einen dürfen (sogar staatlich verordnet) und die anderen nicht. Fällt das jetzt unter „freie“ Marktwirtschaft oder gehört das zur „sozialen“ Marktwirtschaft?

Interessant ist vor allem aber auch die Reaktion der Architektenkammer. Obwohl die Honorare also bis zu einer Summe von 4.999.999 Euro festgelegt bleiben, jammert die Bundesarchitektenkammer jetzt wohl über den „Ausverkauf der Baukultur“.

Aha. Bei 5 Millionen Euro beginnt also der Ausverkauf. Diese Sorgen müssten mal die Freien aus der Kreativ- und Textwirtschaft haben …